Die Abwesenheit von Naziaufmärschen beutetet nicht die Abwesenheit von Nazis

Immer wieder bekommt man zu hören, dass Angriffe auf junge Refugees und junge Linke nur ein „Streit unter Jugendlichen“ sei, dass sie sich ja gegenseitig provoziert hätten. Das macht traurig, wenn man die Situation hier erlebt und immer wieder davon berichtet bekommt. Deshalb bin ich dankbar, dass sich das Integrationsteam Steinhaus Bautzen die Mühe gemacht hat und in der Zeit vom 25. März bis zum 10. April 2018 „Alltagserfahrungen“ von Frauen in Bautzen zusammengestellt hat. Diese wurden in einer Sektion bei der Konferenz „Polizei – Nächstenliebe – Zivilgesellschaft“ in Bautzen diskutiert. Ich gebe Euch die Stichpunkte der Auswertung hier wieder. Sie geben einen guten Überblick, in welchen Situationen sich Frauen in Bautzen im Alltag bewegen müssen, was sie dazu sagen, aber auch offene Fragen, die bei ihnen zurück bleiben. Ich habe die Zusammenstellung der Aussagen, die vom Integrationsteam erhoben wurden, nicht weiter bearbeitet. Sie sind aus meiner Sicht so eindrücklich und schockierend, dass ich keine redaktionelle Bearbeitung vornehmen möchte.

  • Als Frau mit Kopftuch erlebe ich Rassismus jeden Tag auf der Straße, im Bus, …
  • Meine Kinder haben im Kindergarten schlechte Erfahrungen gemacht. Deutsche Eltern verbieten den deutschen Kindern, mit geflüchteten Kindern zu sprechen. Die Erzieher*innen sagen nichts und ignorieren das.
  • Rassismus betrifft viele ausländische Familien, die ihre Kinder in Kitas haben.
  • Die Kinder leiden am meisten darunter. Wie kann man so einem kleinen Kind Rassismus erklären?
  • Jeden Tag wird mir in der Stadt der Mittelfinger gezeigt, ich werde ständig beleidigt, „Warum trägst du Kopftuch?“, „Was willst du hier“
  • Leute, wir sind Menschen, wir sind hierhergekommen, weil bei uns Krieg ist, warum passiert uns das? Ich möchte in meine Heimat zurück! Alle gucken auf uns, das ist schmerzhaft!
  • Im Bus erleben wir viel Rassismus, seit drei Monaten fahre ich nicht mehr mit dem Bus, weil ich Angst habe. Leute beleidigen mich, auch die Busfahrer… In solchen Momenten fühle ich mich so alleine…
  • Ich erlebe nicht immer Rassismus, weil ich kein Kopftuch trage, aber wenn ich mit meiner Schwester unterwegs bin, ja, sie trägt ein Kopftuch, dann werden wir immer böse angestarrt.
  • Auf der Arbeit erlebe ich auch Rassismus, die Leute wollen von mir keine Gesichtspflege bekommen.
  • Wir waren zufriedener, als wir bei uns in unserer Heimat waren, wir sind nicht glücklich, wir sind hier geduldet aber nicht akzeptiert. Hier wird uns das Menschenrecht abgesprochen.
  • Leider haben wir KEINE CHANCE auf Arbeit, wenn wir Kopftuch tragen.
  • Es gibt Probleme auch bei Ärzten. Viele von uns werden schlecht behandelt. Vor kurzem bin ich zu einer Praxis gegangen, in der Hoffnung behandelt zu werden, es ging um einen Termin für eine weitere Untersuchung. Die Arzthelferin sagte: Hier wird keine Frau mit Kopftuch behandelt, deswegen sind wir bis Niesky gefahren! Es hat so weh getan.
  • Du spürst die Gefahr, auch wenn du nur spazieren gehen willst. Du musst dir Gedanken machen, ob du auf dem Weg dahin deinen Aggressor triffst. Du weißt nicht, wer gerade auch unterwegs ist.
  • In Supermärkten haben wir immer Probleme. Bis vor kurzen war es bei Edeka, jetzt passiert es auch bei LIDL. Dort gibt es einen Mitarbeiter der uns nicht begrüßt, die Lebensmittel schmeißt er in den Korb, und fleddert sie übers Band, den Zettel schmeißt er weg, er hat mich nie gefragt, ob ich ihn mitnehmen möchte. Ich bin aber nicht die Einzige die dort so behandelt wird.
  • Leider ist das noch nicht alles… die Männer auf der Straße spucken uns an! Sie wollen uns hier weghaben. Diese Vorfälle passieren tagesüber, leider sind alle Blicke nur auf der Platte.
  • Letzte Woche wurden wir vor dem LIDL in der Steinstraße beleidigt. Sie wollten unser Kopftuch wegmachen. Sachen wie „Ausländer raus“ waren die „nettesten“ Worte, die wir gehört haben – Bei den Aggressoren, waren drei Männer und zwei Frauen… Es ist schwierig, sie zu beschreiben, weil du in so einer Situation nicht hinschaust, du willst nur weg. Jetzt weiß ich, dass solche Sachen zur Anzeige gebracht werden müssen.
  • Vor kurzem wurde ich von drei Männern angepöbelt und bin beleidigt worden, es war unerwartet, sie sind in meine Richtung gekommen und haben mich auf übelste Art bedroht. Ich war unter Schock und sprachlos. Ich habe den Mut gehabt und habe es angezeigt. (Mitarbeiterin des Steinhaus e.V.)

 

Ein Gedanke zu „Die Abwesenheit von Naziaufmärschen beutetet nicht die Abwesenheit von Nazis“

  1. Danke für diese bedrückende Zusammenstellung, danke überhaupt für Ihre Arbeit in Bautzen und Ihren Twitter-Account, und danke schließlich für die Soligrüße an uns ChemnitzerInnen, die wir morgen gegen die nationalen Sozialisten vom III. Weg auf die Straße gehen.

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