2016: Ein Abend im September – oder: Die Menschenjagd von Bautzen

Dieser Bericht ist recht lang und erhält vielleicht auch Details, die nicht relevant erscheinen. Er soll aber ein möglichst umfangreiches Bild des Abends zeichnen und deshalb nehme ich sie auf.

Am Abend des 14. September 2016 befand ich mich gegen 19.45 Uhr auf dem Weg vom Einkaufen nachhause. Es muss in etwa diese Uhrzeit gewesen sein, da ich mich noch sorgte, dass die Geschäfte schließen könnten. Beim Einkaufen im Kornmarktcenter waren die Angestellten teilweise mit der Reinigung des Ladens beschäftigt und etwas genervt, dass ich noch eine Beratung zu Haarpflegeprodukten wünschte.

In diesem Augenblick, mit einer Falsche Rotwein und Käse in der Tasche, freute ich mich nach einem langen Arbeitstag nur noch auf mein Sofa, ein gutes Buch und einen Schluck Wein. Doch es kam alles ganz anderes und der Abend „verfolgt“ mich noch heute.

Auf dem Weg vom Kornmarktcenter in meine Wohnung passiere ich gewöhnlich den Kornmarkt – so auch an diesem Abend. In dem unmittelbaren Bereich vor dem Stadtmuseum traf ich auf eine Gruppe aus Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die zum großen Teil einen Fluchthintergrund hatten, es waren aber auch einige „deutsche“ Jugendliche anwesend. Bei den jungen Menschen stand eine Bekannte, die ich grüßte und mit der ich – so dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch – ein kurzes Gespräch über eine angemeldete Demonstration „Die Sachsen Demonstrationen“ am 7. Oktober 2016 begann. Wir tauschten uns über Aktionen, die man im Umfeld der angemeldeten rechten Demonstration machen könnte aus.

Mir wurde von einem der jungen Männer ein Video gezeigt, auf dem ein anderer junger Mann aus der Gruppe von einer Frau im weißen T-Shirt und einer kurzen Jeanshose angegriffen und durch die Gegend geschubst wurde. Laut Aussage der jungen Männer, soll sich der Vorfall am Nachmittag desselben Tages ereignet haben. Dafür spricht ein weiterer Vorfall mit dieser Frau am Abend, auf den ich noch kommen werde, bei dem sie ebenfalls ein weißes T-Shirt und eine kurze Jeanshose trug.

Wir rieten den Jungen an diesem Abend den Platz zu verlassen, da es Gerüchte gab, dass die Rechten für den Abend etwas planen. Einzig ein Junge kam unserer Bitte nach. Neben dem Heim als Aufenthaltsort für den Abend schlugen wir das Steinhaus vor, das an diesem Abend wegen einer Filmvorführung geöffnet hatte.

In der Zwischenzeit war ein Mädchen mit ihrer Mutter auf den Platz gekommen. Das Mädchen war mit einem der jungen Refugees zusammen. Wir redeten ein wenig. Unter anderem erzählten sie, dass sie an folgenden Samstag den 18. Geburtstag eines der anwesenden jungen Männer feiern wollen. Dieser Junge erzählt, dass er in der Nacht vom 14. auf den 15. September 18 Jahre alt wird. Das Mädchen möchte gerne bleiben, um in den Geburtstag reinzufeiern, die Mutter argumentiert dagegen, da man ja für den Samstag eine Feier für den jungen Mann plane.

Nach einiger Zeit des auf dem Platz Stehens und Redens kommt die Frau, die auf dem zuvor gezeigten Video zu sehen war wieder. Sie ist augenscheinlich alkoholisiert und in Begleitung eines Mannes. Zu etwa dieser Zeit läuft ein älterer Mann mit einem Schäferhund mit einer seltsamen Leine, die eigentlich nur ein Seil darstellte, zu dem er immer wieder „Fass“ sagte auf den Platz und läuft durch unsere Gruppe. Die Frau greift einen jungen Mann aus unserer Gruppe an. Meine Bekannte ging dazwischen. Es kommt zu Rangeleien in der Gruppe. Ich versuche die anderen Jungs zu beruhigen, die dem Angegriffenen helfen wollen. Dabei bewegt sich die Gruppe getrieben von der Frau von dem Platz vor dem Museum über die den Kornmarkt teilende Kesselstraße auf den größeren Teil des Kornmarktes und wieder zurück auf den Platz vor dem Museum. Der Mann, der die alkoholisierte Frau begleitet, kann sie schließlich dazu bewegen den Ort des Geschehens durch die Kesselstraße zu verlassen.

Nach diesem Vorfall war für einige Zeit ein Polizeiauto mit einigen Polizisten auf dem Kornmarkt. Diese redeten unter anderem mit dem älteren Mann, der den Hund mit sich führte. Dieser Mann lief nach einiger Zeit wieder in Richtung des Einkaufszentrums davon. Auch die Polizei verließ nach kurzer Zeit den Platz wieder.

Einige junge Männer, die meine Bekannte kannte, kamen hinzu. Einer von ihnen war mir vom Sehen bekannt, da er in meiner Nähe wohnt; mit einem anderen hatte ich am Freitag zuvor bereits einige Worte gewechselt. Diese gingen nach einiger Zeit wieder. In dieser Zeit sammelten sich Menschen vor dem Edeka, der direkt gegenüber des Platzes liegt, auf dem hinteren Teil des Kornmarktes am Reichenturm sowie an der Ecke zur Steinstraße. Wir hatten den Eindruck, dass vom Dach eines anliegenden Hotels fotografiert wurde, da von dort einige Blitze und die Silhouette eines Menschen zu erkennen waren. Immer wieder kommt ein junger Mann, der ein T-Shirt der Marke Yakuza trug zu uns und fragte, die jungen Refugees, was sie auf dem Platz machen. Er ging immer wieder auf die andere Seite der Straße zu der Gruppe, die sich vor dem Edeka sammelte.

Zu dieser Zeit war keine Polizei mehr auf dem Platz präsent. Da sich immer mehr Menschen rund um den Kornmarkt sammelten und wir ein ungutes Gefühl hatten, versuchte ich bei der Polizei anzurufen. Da es sich nicht um einen Notfall handelte, wählte ich die Festnetznummer. Ich erreichte niemanden. Der Versuch die Polizei anzurufen war um 21.15 Uhr.

Eine junge Frau mit Fahrrad kam dazu. Sie erzählte, dass sich in den Seitenstraßen Gruppen von Menschen in rechter szenetypischer Kleidung sammeln.

Dann ging alles sehr schnell: Es kam zu Pfiffen und danach sammelten sich die Menschen, die zuvor rund um den Kornmarkt standen. Ich schätze, dass es sich um 100 bis 150 Personen handelte. Eine genaue Zahl kann ich aber nicht angeben. Wir bemerkten dann, dass sich neben dem Kornmarkt in der Rosenstraße ein Polizeiauto platziert hatte. Wir baten die junge Frau mit Fahrrad, dass sie die Polizisten bitten soll auf den Platz zu kommen, da wir uns von der Menschenmenge, die auf der anderen Seite des Kornmarktes stand bedroht fühlten. In diesem Moment schlug meine Bekannte vor, dass wir uns alle hinsetzen, um zu bekunden, dass wir keine Eskalation suchen. Die jungen Männer und meine Bekannte saßen bereits. Ich setzte mich nicht. Um der Polizei zu zeigen, dass man „friedlich“ ist, wäre dies vielleicht gelungen; allerdings waren ich nicht sicher, ob das in Bezug auf die Gruppe, die sich auf der anderen Seite des Kornmarktes gesammelt hatte, eine gute Idee ist. Auch die anderen standen nach einer kurzen Zeit des Sitzens wieder auf.

Die Polizei kam mit etwa acht bis zehn Polizistinnen und Polizisten auf den Platz. Sie ging direkt auf die Gruppe zu, in der ich mich aufhielt. Meine Bekannte und ich hatten uns vor die jungen Männer gestellt, so dass wir direkt an der Kesselstraße standen. Die jungen Männer standen in Richtung Einkaufszentrum hinter uns. Die Polizisten kamen auf uns zu und sprachen meiner Bekannten und mit einen Platzverweis aus. In der Hand hielten die Polizisten und Polizistinnen jeweils einen Schlagstock und Pfefferspray. Ich konnte nachvollziehen, warum wir gebeten wurden den Platz zu verlassen. Dies wollten wir den jungen Männern erklären, wenngleich ich nicht verstehen konnte, warum wir ohne irgendeine Ansprache einen Platzverweis erhielten.

Zum Erklären kamen wir nicht: Die Polizisten und Polizistinnen gingen direkt auf die jungen Männer mit „haut ab hier“, „verpisst Euch“, „ihr habt hier nichts zu suchen“ und ähnlichen Äußerungen los. Ich versuchte zu vermitteln und stand zwischen einem Polizisten und den jungen Männern. Ich versuchte auf der einen Seite den Jungs zu sagen, dass sie bitte gehen sollen und auf der anderen Seite den mir in diesem Moment gegenüberstehenden Polizisten zu bitten, dass wir vermitteln dürfen. Dieser sagte mir schroff, dass ich einen Platzverweis hätte und schubste mich nach hinten. Mich schubste man ohne Handschuhe, die Polizisten zogen dann Handschuhe an ehe sie auch die jungen Männer durch die Gegend schubsten. Die jungen Männer wurden zu diesem Zeitpunkt aufgebracht, da sie nicht verstanden, warum sie den Platz verlassen müssen und nicht die größere Menschengruppe, die sich auf der anderen Seite des Kornmarktes versammelte. Zu diesem Zeitpunkt setzen die ersten Polizisten den Schlagstock und das Pfefferspray ein, sodass ich mich von dem Platz vor dem Museum auf den Platz vor dem Einkaufszentrum (Halbkugel) zurückzog, um nicht ebenfalls von der Gewalt der Polizei betroffen zu sein.

Auf dem Platz mit der Halbkugel stehend erinnere ich noch, dass ich kurz mit meiner Bekannten redete. Die jungen Männer wurden ebenfalls auf diesen Platz gedrängt. Unter lauten Schreiben kam die Gruppe der Rechten, die sich zuvor am Reichenturm gesammelt hatte über die an den Kornmarkt angrenzende Straße in unsere Richtung gerannt. Wir rannten los in Richtung Friedensbrücke. Ich rannte irgendwann zwischen jungen deutschen Männern und Polizisten. Ich hatte Angst, die ich noch nie zuvor in meinem Leben hatte und auch nie wieder erleben möchte. Ich wusste in diesem Moment nicht, ob auch in Ziel der Rechten bin oder lediglich die jungen Refzgees. Ich rannte! In der Hand hielt ich durch die Tasche den Hals der Flasche Rotwein, die ich gerade gekauft hatte. Dann habe ich eine kurze Erinnerungslücke und schließlich saß ich in einem unbeleuchteten Eingangsbereich des Einkaufszentrums.

Aus einem Video, das ich wenige Tage danach auf dem Sofa meiner Schwester in Hamburg sitzend zum ersten Mal sah, weiß ich, dass ich mich zwischenzeitlich hinter eine Säule am Kornmarktcenter gestellt hatte und von dort aus von einer Polizistin ein Stück begleitet wurde (ab Minute 0:24).

An mir rannten Menschen vorbei – viele junge Männer und einige Frauen. Irgendwann auch Polizisten, die zuvor nicht auf dem Kornmarkt waren. Es kam aus Richtung der Friedensbrücke Geschrei. Eine Stimme schrie „Wir sind das Volk!“ und ein grölende Menge stimmte ein: „Wir sind das Volk! Wir sind das Volk! Wir sind das Volk!“

Nach einiger Zeit kam meine Bekannte ebenfalls zu diesem Platz.  Sie war in eine andere Richtung gerannt. Ein Freund fuhr im Auto vorbei, sah mich und hielt ebenfalls an. Er sagte, dass er an er „Vogelkreuzung“ – die unmittelbar vor der Friedensbrücke ist, über die die Refugees gejagt wurden – mit dem Auto stand und die Hetzjagd von dort beobachtet habe. Er fuhr nach einiger Zeit wieder, da ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste, was ich machen soll: mich nach Hause fahren lassen, warten und schauen, ob man den gejagten jungen Männern später noch helfen kann, eine Aussage bei der Polizei machen…

Nach und nach kamen dann die Rechten wieder zurück. Teilweise tragen sie szenetypische Kleidung – auch Menschen mit T-Shirts mit der Aufschrift „Support 125“ (125 steht für Aryan Brotherhood Eastside). Auch einige Polizisten laufen mit den Rechten zurück in Richtung des Kornmarktes.

Die Rechten stiegen teilweise in Autos mit Kennzeichen von Weißwasser und Kamenz, die in unmittelbarer Nähe zur Friedensbrücke geparkt sind. Das wunderte uns, da dies unseren Eindruck erhärtete, dass diese gesamte Aktion von den Rechten geplant war.

Irgendwann, als alles wieder ruhig war, traten wir den Weg nachhause an. Meine Bekannte hatte in der Nähe des Finanzamtes geparkt, sodass uns der Rückweg unweigerlich wieder über den Kornmarkt führte. Dort waren nur noch wenige Menschen anzutreffen und die Szene wirkte gespenstisch ruhig!

 

In weiteren Beiträgen werde ich noch schreiben, wie der Kontakt mit der Polizei bezüglich dieses Abends weiterging und ggf. noch weitergehen wird.

6 Gedanken zu „2016: Ein Abend im September – oder: Die Menschenjagd von Bautzen“

  1. Das vom Dach des Hotels fotografiert wurde, glaube ich nicht, denn der Fotograf hätte sich von mir den entsprechenden Schlüssel holen müssen. Es sei denn, dass ist schon vor 14 Uhr passiert. Generell darf dort niemand ohne Begleitung hoch. Ich selbst kann es nicht gewesen sein, da ich an der Rezeption stand und später das Geschehen gemeinsam mit anderen Hotelgästen vom Eingang aus beobachtet habe. Neugierig wurden wir eigentlich nur, da auf der Busspur gegenüber ein Krankenwagen parkte und ab etwa 20 Uhr ungewöhnlich viele Personen auf den Kornmarkt strömten.

    1. Das mit dem Fotografieren vom Hoteldach aus, ist auch nur ein Eindruck. Keine Ahnung, ob dort ein Aufbau ist, der so wirken könnte. Ich stehe sonsts eher selten am Abend dort und schaue in Richtung Hotel bzw. Reichenturm 😉

      1. Es wurde definitiv und ganz klar von diesem Dach aus fotografiert. Ich selbst stand neben Analena an diesem Abend auf der Platte und es wurde von da oben fotografiert.

  2. Das ist ein Bericht zum 14. September, der die Situation so beschreibt, wie ich sie an diesem Abend wahrnahm.

    Was an den Vorabenden war, spielt dabei keine Rolle, da ich diese Abende nicht persönlich erlebte und dazu keine eigene Sicht publizieren kann. Ggf. werde ich noch etwas zum 9. September schreiben. Was danach folgte, werde ich noch veröffentlichen!

  3. Und zudem habe ich zu StremBZ noch aufschlussreichen Screenshot, der im nächstem Artikel zu dem Thema verarbeitet wird!

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