Eine andere Sicht der Dinge: Die Nacht vom 27. auf den 28. Juli in Bautzen

Es gibt immer mehr als eine Sicht auf ein Ereignis. Eine Möglichkeit, die Geschehnisse des gestrigen Abends (27./28. Juli) auf dem Bautzener Kornmarkt zu betrachten, ist die Sichtweise der Polizei, die eine Pressemitteilung zu dem kompletten Abend herausgegeben hat. Man kann aber auch Menschen fragen, die an dem Abend – zumindest zeitweise – dabei waren. Ich habe Claudia Nikles, die das Geschehen beobachtet hat, nach ihren Beobachtungen, Eindrücken und Erfahrungen des Abends gefragt. 


Claudia, warum warst Du an dem Abend vor Ort?

A. [Anm.: ein junger Refugee] rief einen gemeinsamen Bekannten um 23.35 Uhr an, der sich zu der Zeit bei mir aufhielt. Er bat verzweifelt um Hilfe. A. war zufällig mit Freunden auf der Platte [Anm.: alternative Bezeichnung für den Kornmarkt] und wurde dort, laut seiner Aussage, etwa 20 Nazis grundlos bepöbelt und bespuckt. Er weinte.

Wie hast Du die Situation wahrgenommen, als Du ankamst?

Bei unserem Eintreffen, etwa zwei Minuten später, rannte eine Gruppe von ca. 20 schreienden Männern auf Höhe des „Best Western“ hinter A. her. Dieser lief mit erhobenen Händen davon und gleichzeitig stürmten etwa acht Polizisten nur auf A. ein. Sie verfolgten ihn. Einer warf ihn zu Boden, fesselte ihn. Ich stand etwa auf Höhe des Taxistandes am Platz bei der Kirche.

Wie entwickelte sich die Situation?

Um die Nazis scherte sich niemand. Die Polizei war ausschließlich mit einem sich nicht wehrenden A. beschäftigt. Einer schlug ihm sogar während des Aufhebens, er lag auf dem Boden, auf den Hinterkopf. Er wurde in ein Auto gebracht.

Die Polizisten sprachen mit ihm nach dem Motto: „Ah, da ist er ja wieder.“ Oder auch: „Immer dasselbe Pack.“ Und „Wichser“, haben sie gerufen. Sie sagten zu ihm, als er sich erklären wollte, wie er in die Situation geraten war: „Halts Maul, Wichser.“

Wie ist die Polizei mit Dir umgegangen?

Die Polizei hat auf Nachfragen und Bitten von mir, doch nicht ganz so grob mit A. umzugehen „Verpisst Euch!“,, „Haut ab!“ und „Halts Maul!“ geantwortet. Auf die Nachfrage, warum sie mit mir nicht vernünftig reden und warum sie mit A. nicht vernünftig umgehen, mit „Schert Euch weg!“ reagiert. Und das Ganze immer und immer wieder. Weil ich mich beschwerte, wie er mit mir redet, antwortete mir ein Polizist: „Fick Dich!“ Zwar leise und verhalten, aber ganz eindeutig: „Fick Dich!“

Danke für das Gespräch und Deine Sicht des Abends, Claudia. Pass auf Dich auf!

13 Gedanken zu „Eine andere Sicht der Dinge: Die Nacht vom 27. auf den 28. Juli in Bautzen“

  1. Da gibt es überhaupt nicht zu kritisieren an der Polizei. Im Gegenteil. Bürgernah, volkstümlich und freundlich sprechen sie mit dem Jungen man aus dem Ausland statt Paragrafen vorzulesen.
    Ach ja, die Paragraphen gibt es nicht. Egal. Ist halt Sachsen.

  2. Wenn die örtliche Polizeiführung die Bautzner Nazis als eventorientierte Jugendliche verharmlost, brauchen wir uns über derartige Reaktionen der Beamt_innen auf der Straße nicht zu wundern.

  3. Danke für den sachlichen Bericht einer Augenzeugin.
    Ich hoffe, er wird entsprechend registriert und die Polizei nimmt AUCH DAZU Stellung!
    Zugegeben, Polizist zu sein und gerade in Bautzen, ist ein anstrengender und nicht zuletzt ein VERANTWORTUNGSVOLLER Beruf.
    Erstens hat dieser Mensch sich diesen ausgesucht,
    zweitens sollte man sich dieser Verantwortung bewusst sein, die wahr nehmen und schützend für ALLE Einwohner agieren!
    Völlig unangemessene, brutale Behandlungen und Beleidigungen von Bürgern / Menschen zählen nicht dazu.
    ( Auf dem, inzwischen nicht mehr zu sehenden Video eines “sachlichen ” Beobachters, mit entsprechend “völlig sachlichen ” Bemerkungen— ist ein eindeutiges Ergeben des Betroffenen , der Polizisten gegenüber, sichtbar.)
    Und warum, frage ich mich immer wieder, warum entsprechen Polizeiberichte immer wieder nur teilweise der Wahrheit? Es sind doch immer Beobachter dabei und nicht nur einer! Seite. Es wird wissentlich verharmlost, verschwiegen, Tatsachen verändert.

  4. Bautzen ist keine sichere Stadt für Refugees und Migranten. Ich finde es unverantwortlich, daß Migranten in Bautzen leben müssen. Derartige Gefährdungen müssen verhindert werden, damit den Flüchtlingen nichts passiert, dürfe diese auf keinen Fall dort hin, geschweige denn dort leben müssen. Muss es erst Tote geben, bevor das eingesehen wird?

    1. Eine Stadt, eine Kommune, ein Land hat für die Sicherheit seiner Bürger zu sorgen. Ich halte es nicht für richtig, dass den Neonazis Bereiche überlassen werden und die Staatsmacht sich aus ihrer Verantwortung zurück zieht. Wir dürfen den Neonazis keine Territorien überlassen. Macht euch stark und nutzt alle demokratischen Möglichkeiten gegen Unrecht vorzugehen.

  5. Naja, so ist man es doch von Bautzen gewöhnt. Ich kenne bspw. paar Gaußiger Nazis aus meiner Schulzeit, die bei der Polizei eine Ausbildung gemacht haben. Zum Glück wohne ich nicht mehr in diesem Kaff.

  6. Ich war nicht dabei, aber für einen Außenstehnden ist es fast nicht vorstellbar, das die Polizei so viele Dienstvergehen auf einmal begeht. Es wirkt auf mich sehr einseitig und fremdschuldzuweisend erzählt. Und nein ich habe nix mit Nazis, Bautzen oder der Polizei am Hut.

  7. Vielen Dank für deinen Beitrag. Dank ihm wurde ein Verfahren eingeleitet. Wo sind die schlauen und einfühlsamen Köpfe wenn man sie braucht? Die Gesamtsituation gehört beobachtet und professionell begleitet. Schade das hier der Staat bereits versagt. Ich bin für einen Runden Tisch der Begegnung und des Austauschs, mitten auf der Platte.

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